Die Institutionalisierung der Erziehung - welche Auswirkungen hat sie auf unsere Kinder? Wie kann Familienleben heute gestaltet werden?


von Bianca Maria Uhl

"Familienministerin Renate Schmidt sieht im Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten, vor allem für die unter Dreijährigen, die wichtigste Aufgabe des Bündnisses Familie."

Dieser Satz einer Nachrichtensprecherin ließ mich aufmerken, als ich vor einigen Tagen mehr oder weniger aufmerksam einer Nachrichtensendung lauschte. Mein Interesse wurde außerdem durch einen Schriftzug im Hintergrund der Nachrichtensprecherin geweckt. „BÜNDNIS FAMILIE" war da zu lesen.

Was gab es zu dieser Thematik zu sagen?

„Mehr Betreuung ist eine Voraussetzung für mehr Familienfreundlichkeit im Berufsleben. Nur, wenn es möglich ist, Beruf und Familie zu vereinbaren, werden sich junge Frauen und Männer leichter für Kinder und Familie entscheiden", so äußerte sich Renate Schmidt in Wiesbaden bei der Auftaktveranstaltung zur Gründung des „Lokalen Bündnisses für Familie".

Keine Frage, für eine berufstätige Mutter sind Betreuungsangebote eine große Hilfe und Erleichterung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber welche Dinge werden hier ausgedrückt und suggeriert?

Dieses Beispiel zeigt uns wieder einmal, wie in unserer Gesellschaft daran gearbeitet wird, dass Kinder immer früher viel Zeit außerhalb der Familie verbringen (in der Institution Kinderkrippe, Hort, Kindergarten, Kindertagesstätte). Die Medien schaffen es sogar, uns das als erstrebenswertes Ziel zu verkaufen. Aber, was ist denn dagegen zu sagen, dass ein Kleinkind den Tag in einer Kinderkrippe verbringt. Eine Erzieherin oder Kinderkrankenschwester kümmert sich liebevoll um das Kind. Es wird gewickelt, gefüttert, schlafen gelegt, kann spielen, krabbeln ….

Ist die Zeit, die das Kind bei der Mutter oder dem Vater verbringt denn wirklich so wichtig. Was ist mit den „entnervten" Müttern, die einfach nicht in der Lage sind sich den ganzen Tag um ihr Kind zu kümmern? Was ist mit der jungen 17jährigen allein erziehenden Mutter, die noch ihre Ausbildung fertig macht? Auch hier steht außer Frage, dass diese Mütter Unterstützung brauchen und aus diesem Bedarf heraus sind ja auch Kinderkrippen u.ä. Einrichtungen entstanden.

 

Welche Auswirkungen hat die Institutionalisierung der Erziehung und wie kann bewusst gestaltetes Familienleben aussehen?

 

  1. Die Institutionalisierung der Erziehung

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich viele Wissenschaftler mit der kindlichen Entwicklung und Entwicklungsstörungen befasst. Dabei findet man auch den Begriff „Verinselung der Erziehung"

Der Alltag des Kindes findet auf verschiedenen Inseln statt, die jede für sich einen Erziehungsanspruch innehaben. Jede Insel stellt dem Kind eine Bezugsperson zur Verfügung, manchmal sind es auch mehrere. Auf jeder Insel erlebt das Kind unterschiedliche Regeln, unterschiedliche Weltanschauungen, unterschiedliche Menschen. Positiv betrachtet nennt man so etwas „Sozialisation". Das Kind lernt, mit unterschiedlichen Situationen umzugehen.

Aber umso jünger ein Kind ist, desto schwieriger ist es für dieses Kind, bei all den unterschiedlichen Erfahrungsbereichen, nicht innerlich sehr verunsichert zu werden. Erziehungswissenschaftler sprechen von „Primärsozialisation" und weisen darauf hin, dass diese „Primärsozialisation" in der Familie, in der engen Bindung an Vater und Mutter stattfinden soll. Erlebt das Kind seine Entwicklung als ein Springen von Insel zu Insel, dann hat es Schwierigkeiten Liebe, Vertrauen und Bindungsfähigkeit zu entfalten.

Aber sogar bei dem älteren Kind hat eine Verinselung der Erziehung Folgen. Auch hier gilt: Das Kind muss sich immer neu auf Regeln, Menschen und Situationen einstellen. Das ist so lange unproblematisch, solange das Kind einen starken, emotionalen Hintergrund hat und diesen erfährt es in der Familie. Erlebt es im Sportverein: Ich werde ausgelacht, weil ich etwas nicht kann, so erlebt es in der Familie: Ich bin geliebt und angenommen, auch wenn mal was daneben geht.

 

Die Verinselung der Erziehung

 

 

 

  1. Bewusst gestaltetes Familienleben

Eltern, die heute hier zusammen gekommen sind, sind Mütter und Väter, die sich Gedanken um die Entwicklung ihrer Kinder machen, um Bildung und gute Entfaltungsmöglichkeiten. Leider werden diese Eltern mit dem Wunsch „viel Zeit mit den Kindern zu verbringen" oft nicht verstanden.

Viele Kinder aus unserer Bekanntschaft besuchen im Alter von ca. 6 Jahren einen Schwimmkurs. Schön und gut! Super, dass es Schwimmkurse gibt. Fragt man aber nach dem Grund für die Teilnahme am Kurs, dann hört man Folgendes:

Nun muss ich annehmen, dass in meiner Kindheit kein Kind schwimmen lernte, denn es gab keinen Schwimmkurs. Hier sind wir an einem ganz entscheidenden Punkt: Eltern haben in vielen Bereichen nicht mehr den Mut ihren Kindern etwas beizubringen, weil ihnen eingeredet wird, dass sie dafür nicht zuständig sind, dass sie das nicht können und dass das Kind das lieber von anderen Personen lernt.

Und so kommt es dann zum immer voller werdenden Terminkalender der Kinder.

Mut machen möchte ich heute zu einem bewusst gestalteten Familienleben. Die Jahre, die unsere Kinder mit uns verbringen, sind zu kostbar und schön, als dass wir sie in dieser Zeit nur wenig zu Gesicht bekommen. Es verlangt von uns ein Umdenken. Wir als Eltern sind gefragt. Viele Dinge, die im Moment die Institution übernimmt, können wieder zurückgeholt werden in die Familie oder weitergefasst „die Hausgemeinschaft". Miteinander schwimmen gehen, statt die Kinder am Schwimmbad abzuliefern. Miteinander zu musizieren, statt Musikworkshop der Volkshochschule. Miteinander in der Natur unterwegs sein, miteinander Rad fahren, Ausflüge, kochen, backen, basteln, arbeiten. Das Leben ist so vielfältig.

 

Lebensraum Familie

 

 

 

Dieser Ansatz ist nichts Neues. Neu ist eher die Tendenz „weg von dem Verbund Familie – hin zur Institution". Dass Kinder viel Zeit in der Familie verbringen, dass die Hausgemeinschaft der Kernaufenthaltsort des Kindes ist, dass hier lernen, arbeiten und Leben stattfindet, das war über Jahrhunderte und Jahrtausende so und hat sich eigentlich erst seit der letzten Generation so rapide verändert.

Wo sind die Vorteile, die aus einem bewusst gestalteten Familienleben resultieren?

Wenn man an den Begriff der „Primärsozialisation" denkt, dann legt die Familie eine entscheidende Grundlage zur Persönlichkeitsentwicklung. Neben dem Vertrauen, welches ein Kind entwickelt, entsteht durch die Liebe auch die Bereitschaft und Offenheit zu lernen.

In einem Buch zur Montessori Pädagogik schreibt Ingeborg Becker-Textor:

Kinder brauchen feste, stabile, sichere, vertrauensvolle Beziehungen, in denen sie Orientierung und Antwort auf ihre Fragen und Bedürfnisse finden. Kinder signalisieren ihre Bedürfnisse und wir Eltern sollten auf die Zeichen der Kinder achten. Kinder brauchen vor allem Geborgenheit, Zuwendung und Liebe.

Erst wenn die elementaren Grundbedürfnisse gestillt sind, ist die Grundlage für das Lernen, die Lernmotivation und Lernbereitschaft gelegt.

Es geht also nicht einfach darum, möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, weil wir das brauchen, oder sie nicht loslassen wollen. Wir legen mit der Zeit, die wir ihnen widmen eine entscheidende Grundlage für ihr ganzes Leben.

Wie im Einzelnen das Familienleben gestaltet wird, da sind die Möglichkeiten sehr vielfältig und individuell, abhängig von Lebensstil, Weltanschauung, Begabung, Interesse, Lebensumfeld, kulturellem Hintergrund. Ich spreche auch nicht von einem „Einigeln" als Familie. Der Begriff „Familie" sollte hier weit gefasst werden. Ich habe es „Hausgemeinschaft" genannt, denn oft gibt es Menschen, die unseren Familienverbund ergänzen und erweitern, die für uns wichtig sind. Da ist ein lieber Freund, der gerne mit den Kindern an der Werkstatt arbeitet, da ist die Tante, die Klavier spielen kann, da ist die englische Familie, die das Erlernen der englischen Sprache unterstützt, da ist die alte Nachbarin, deren Lebenserfahrung wichtige Werte vermittelt. Auch hier wünsche ich mir den Mut, dass in unseren Häusern wieder mehr Leben stattfindet.

Und es gehört auch dazu, den Familienverband zu verlassen und darüber hinaus Erfahrungsbereiche und Aufgaben zu haben. Wir haben eine Verantwortung auch in unserer Gesellschaft. Aber alles hat seine Zeit und seinen Raum. Ich wünsche mir den Mut, dass Familie wieder ins Zentrum rückt und sich die Dinge rundherum zuordnen.

„Kinder brauchen Regeln, Rituale und Reviere", äußerte Enja Riegel, ehemalige Schulleiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden in einem Interview. Ein beständiger Ort für Regeln, Rituale und Reviere ist die Familie!

Dünne, unsichtbare Fäden werden zu dünnem, unsichtbarem Stahl, der große Lasten aushält und doch Bewegungsfreiheit gewährt – eine Familie!

(aus „Lebensraum Familie" von Edith Schaeffer, Oncken Verlag)

 

Der Vorstehende Vortrag wurde gehalten anläßlich des 4. Homeschool-Infonachmittages am 20. November 2004 in Plochingen.


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Stand: 04. März 2006